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Luther und die Veste Coburg

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Im Jahr 1530 beherbergt die Veste Coburg einen prominenten Gast: Martin Luther bezieht hier für 165 Tage Quartier.

In umfangreichen Briefwechseln beeinflusst er von der südlichsten Bastion des sächsisch-ernestinischen Kurfürstentums aus maßgeblich die konfessionell-theologischen Verhandlungen auf dem Reichstag in Augsburg. Selbst dorthin reisen darf der unter Acht und Bann stehende Reformator nicht. Für Coburg bis heute ein Gewinn: Stolz trägt die 40.000-Einwohner-Stadt in Franken den Titel „Reformationsstadt Europas“.

Hinter den Mauern der Veste Coburg verbergen sich einzigartige Kunstschätze.

Der Besuch im Nebel schickt uns auf eine besondere Zeitreise.


Der Psalm an der Wand

„Non moriar sed vivam et narrabo opera domini“„Nicht sterben werde ich, sondern leben und die Werke des Herrn verkünden“: Diesen Psalm schrieb Martin Luther laut Überlieferung an die Wand seiner Kammer in der Veste Coburg.

Und tatsächlich sollte sein Ringen um eine Neudefinition von Kirche und Glauben einschließlich seiner Bibelübersetzung den großen deutschen Reformator unsterblich machen ...

 

Durch die Kirche gebannt

Von vorn: Wie kam Martin Luther überhaupt auf die Veste Coburg? Anlass war der Reichstag zu Augsburg, wo vor allem Glaubensfragen im Fokus standen. Martin Luther und seine Mitstreiter vertraten eine eindeutige Position: Jeder möge nach seinem Glauben leben. Gern hätte Luther dieses Ansinnen in seiner gewohnt streitbaren Art selbst dem Kaiser vorgetragen.

 
 
„Cuios regio, eius religio.“

Motto des späteren Religionsfriedens

 
 

Doch nachdem Papst Leo X. 1521 den Kirchenbann über ihn verhängt hatte, war er auf den Schutz des Kurfürsten von Sachsen angewiesen. In Coburg, direkt an der Landesgrenze, endete der Weg somit für ihn vorerst in einer Kammer der mächtigen Staufer-Festung.

Für Dr. Niels Fleck und sein Team der Kunstsammlungen der Veste Coburg ist Luthers „Stranden“ in seinem Hause natürlich ein Glücksfall. „Wir sind zwar als Luther-Ort nicht ganz so bekannt wie die Wartburg, aber das halbe Jahr, das er hier verbracht hat, ist gut dokumentiert und hat Spuren hinterlassen“, berichtet er.

In der Luther-Kammer verweist er auf den Psalm an der Wand, der allerdings eine Nachbildung ist, sowie auf das kostbare Coburger Hedwigsglas aus dem 11. Jahrhundert, das sich nachweislich im Besitz Luthers befunden hat.

Die Veste Coburg: Viel mehr als „nur“ Luther-Ort

Auf kunstvoller Zeitreise

Dieses Glas, das mit den Kreuzrittern nach Deutschland kam, ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die weiteren Kunstschätze, die die Veste Coburg beherbergt: Die venezianische Glassammlung des Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha ist von internationalem Rang.

Von der Schandmaske über den höfischen Turnierschlitten bis zum Feldgeschütz aus dem 18. Jahrhundert — beim Gang durch die historischen Räumlichkeiten erleben die Besucher und Besucherinnen historische Waffen und Rüstungen, Kutschen und Schlitten, Kunsthandwerk, Kupferstiche, Gemälde und Skulpturen.


 

Auf den Spuren von Lucas Cranach

Ein Maler ist dabei besonders prominent vertreten: Es ist Lucas Cranach (der Ältere), der auf der Veste Coburg seine Karriere als kurfürstlicher Hofmaler Friedrichs von Sachsen begann. „Unter anderem soll er hier beeindruckende Wandbilder angefertigt haben“, weiß Niels Fleck. „Eine Lobrede erzählt davon, dass seine Hirsche so lebensecht gemalt gewesen seien, dass die Hunde sie angebellt hätten.“ Die Wandbilder — wahrscheinlich auf Tuch gemalt — sind nicht erhalten; wohl aber 33 andere Gemälde von Cranach und seiner Werkstatt.

Auch Albrecht Dürer ist vertreten: Seine „Madonna mit Kind in Landschaft“ entstand um 1495 — wenn es denn von ihm ist, neuere Forschungen sind sich nicht mehr ganz sicher.


 

Entdeckermomente in der Veste Coburg

Aber auch für weniger Kunstinteressierte bietet die mächtige Festung, die eine der größten Anlagen der Stauferzeit ist und sich stetig baulich weiterentwickelte, zahlreiche Entdeckermomente.

Die historischen Räumlichkeiten laden zu einer Zeitreise ein, wie zum Beispiel das aufwendig gestaltete Jagdintarsienzimmer, das zu den eindrucksvollsten Zeugnissen fürstlicher Wohnkultur zählt. Im Burghof stoßen Interessierte auf die Fundamente des mächtigen Bergfrieds. Und die Große Hofstube mit ihrem mächtigen spätgotischen gusseisernen Ofen stellte so manchen bedeutenderen fürstlichen Sitz in den Schatten.

Religionsfrieden mit Verzögerung

Die Kammer, die Martin Luther bewohnte, nimmt sich dagegen eher bescheiden aus, auch wenn ihm die Coburger große Gastfreundschaft entgegenbrachten. Am Ende blieb seine unermüdliche Arbeit am Schreibtisch erfolglos: Kaiser Karl V. verwarf die appellierenden Schriften, die Luthers Mitstreiter Ulrich Zwingli und Philipp Melanchthon ihm in Augsburg vorlegten.

Der erhoffte Religionsfrieden, nach dem jeder Landesherr selbst die Religion in seinem Herrschaftsgebiet bestimmen konnte, kam erst 1555. Fortan hieß es: „Cuios regio, eius religio“, und die Folgen sind noch heute in vielen Regionen Deutschlands ablesbar.

 

Wo Bratwurst eine Glaubenssache ist

So zum Beispiel in der unmittelbaren Nachbarschaft des überzeugt protestantischen Coburg: Denn nur wenige Kilometer weiter pflegt die Festungsstadt Kronach ebenso überzeugt ihre katholischen Traditionen, die nicht einmal vor der fränkischen Bratwurst Halt machen. In Coburg ist die Spezialität etwas grober, wird über Kiefernzapfen zubereitet und in einer von oben vertikal aufgeschnittenen Semmel serviert. Die Kronacher hingegen schwören auf feines Brät und schneiden das Brötchen nach katholischer Sitte am Semmel-Äquator auf.

Welche Variante besser schmeckt? Das sollten alle Bratwurst-Fans persönlich bei einer Reise ins Frankenland ausprobieren, am besten zur Adventszeit auf dem Weihnachtsmarkt. Aber das ist wieder eine andere Entdeckerstory ...


Luther und die Veste Coburg: Mystisch erscheint die Veste Coburg im gedämpften Licht des nebligen Wintertages.

Entdecker-Info

Die Kunstsammlungen der Veste Coburg sind geöffnet:

April bis Oktober: täglich von 9.30 bis 17 Uhr
November bis März: täglich außer montags von 13 bis 16 Uhr
In der Sommersaison finden samstags und sonntags jeweils um 14.30 Uhr Führungen statt; Gruppenführungen (auch fremdsprachlich) sind auf Bestellung möglich: online unter fuehrungen @kunstsammlungen-coburg.de oder telefonisch unter 0 95 61/ 8 79-48.


Weihnachtsmarkt in Coburg

Entdecker-Tipp

Wann ist die beste Reisezeit für Coburg?

Die einfache Antwort: Eigentlich immer!
Besonders stimmungsvoll ist das Städtchen allerdings zur Weihnachtszeit, wenn der berühmte Coburger Weihnachtsmarkt im Herzen der Stadt seine Tore öffnet. Nicht umsonst gilt er als schönster Weihnachtsmarkt Bayerns.
Die romantische Budenstadt auf dem Coburger Marktplatz ist bis zum 23. Dezember geöffnet.

Die Ehrenburg beeindruckt mit ihrer neugotischen Fassade.

Entdecker-Dank

*Werbung
Unser Entdecker-Dank geht an den Tourismusverband Franken und das Coburger Marketing, die diese Entdecker-Story im Rahmen einer gesponserten Recherchereise ermöglicht haben.
Unsere Meinung bleibt davon selbstverständlich unbeeinflusst.

Lust auf noch mehr Burgen und Schlösser?
Wie wär's hiermit:

Entdeckerstory auf der Wewelsburg


8 Comments

  1. Leo Geiger sagt:

    Liebe Ines-Bianca,
    da denkt man, dass man diesen Ort, den man schon besucht hat, gut kennt – und wird in deiner Geschichte doch eines Besseren belehrt. Die Hintergründe neu erklärt, die Geschichte neu erzählt und die Eindrücken neu visualisiert.
    Danke für die winterliche Reise nach Coburg und die damit verbundenen schönen Erinnerungen, die Du geweckt hast!
    Viele liebe Grüße!
    Dein treuer Leser
    Leo Geiger

    • Ines-Bianca sagt:

      Lieber Leo,
      das ist ein tolles Kompliment, mit dem du mir den Zweiten Advent versüßt!
      Die Veste ist ein so spannender Ort voller Geschichte und Geschichten, ich freue mich, dass ich ein paar Facetten davon erkunden und für euch schildern durfte.
      Dass alles neu erscheint, mag aber nicht nur meiner Schreibkunst 😉 geschuldet sein, sondern auch dem Wetter: Erst war ich ein wenig enttäuscht von dem Nebel – aber im Nachhinein finde ich, dass er eine ganz zauberhafte Stimmung in den ganzen Blogpost bringt … Der Nebel des Historischen wabert um die Veste … 🙂
      Dir wünsche ich noch einen tollen Adventssonntag!
      Ines-Bianca

  2. Silke Kords sagt:

    Liebe Ines,
    wusstest du, dass Coburg anstatt Buxtehude fast die Heimat meiner Kindheit geworden wäre? Tatsächlich, letztlich haben sich meine Eltern damals, 1980, dann gegen die Stadt an der damaligen innerdeutschen Grenze entschieden, zugunsten der Stadt, die durch Hase und Igel bekannt ist.
    Jetzt bin ich mehr als überrascht, noch nie dort gewesen, was Coburg alles zu bieten hat. Die Größe der Stadt ist mit Buxtehude vergleichbar, die historische Bedeutsamkeit und der Reichtum an Interessantem überflügelt meine kleine Heimatstadt bei Weitem. Und was mich am Schluss besonders angeregt hat, ist dein Tipp mit dem Weihnachtsmarkt! Ich liebe Weihnachtsmärkte, und das Foto macht so Lust, dort Glühwein zu trinken und das Lichtermeer im Dunklen zu genießen.
    Wer weiß!
    Danke dir für die inspirierenden, interessanten, vielseitigen und dichten Informationen zu Coburg, in jedem Fall eine Reise wert!
    Grüße aus Bayern von
    Shille

    • Ines-Bianca sagt:

      Liebe Freundin,
      am besten wäre es, wir würden uns das mal zusammen anschauen! Unsere Organisatoren haben sicherlich einen guten Tipp für ein Wellnesshotel, das den perfekten Rahmen für ein Freundinnen-Wochenende bietet! 🙂 Zu diesem Weihnachtsmarkt schaffen wir es wohl nicht mehr – aber in der Veste würde ich noch einmal supergern mehr Zeit verbringen. Und dann gibt’s ja auch noch genug Sehens- und Erlebenswertes drumrum!
      Die verschlungenen Pfade deiner Familiengeschichte möchte ich. aber auch gern noch einmal ergründen! Da kennt man sich 30 Jahre – und die Sache mit Coburg habe ich noch nie gehört?!?
      Genieße den Zweiten Advent!
      Ines-Bianca

  3. Liebe Ines, für mich als Geschichtsdidaktikerin und Mo als großen Burgliebhaber genau das richtig. Danke für deinen Tipp!!! LG Kristina

    • Ines-Bianca sagt:

      Liebe Kristina,
      vielen Dank für deine Rückmeldung!
      Da kann ich sogar noch einend raufsetzen: Die Veste Coburg bietet auch für Kinder ein umfangreiches Programm an; unter anderem gibt es dort im Sommer Living-History-Zeitreisen mit wissenschaftlichem Anspruch. Dann kann man richtig eintauchen in die Zeit der Ritter und Burgfräulein!
      Ganz herzliche Grüße!
      Ines-Bianca

  4. Miriam sagt:

    Liebe Ines-Bianca,
    Mir war gar nicht klar, dass es mehrere Reformationsstädte gibt. Ich kannte bisher nur Eisenach und die berühmte Wartburg, die ja auch sehr geprägt von Luthers Treiben ist. Die Figur sehe ich durchaus kritisch, Religion generell auch, aber ich mag es, an Orten Geschichte kennenzulernen. Ich finde, man lernt so viel über einen Ort und was ihn auch heute noch prägt und ausmacht, wenn man sich auch mal die Vergangenheit anschaut. In Coburg war ich bisher noch nicht, aber sollte es mich mal dorthin verschlagen, steht die Veste Coburg natürlich auf meinem Zettel.
    Liebe Grüße von Miriam von Nordkap nach Südkap

    • Ines-Bianca sagt:

      Liebe Miriam,
      ja, da geht es mir genau wie Dir: Orte, die Geschichte atmen, sind spannend! Und die Person Martin Luther war eine sehr, sehr prägende in unserer Geschichte, also ist so eine Spurensuche immer aufschlussreich! Aber er hat ja auch „nur“ ein halbes Jahr in der Geschichte der Veste beansprucht; ich fand es vor diesem Hintergrund sehr bemerkenswert, wie dieser Aufenthalt plötzlich zum Politikum wurde in der Regelung der englischen Thronfolge: Luthers Wirken auf der Coburg war dann plötzlich die Legitimation dafür, dass er Ehemann von Viktoria werden durfte … schon ein bisschen schräg … Aber es gibt ja auch noch abseits davon so viel mehr zu entdecken auf der Veste, das Areal ist auf jeden Fall einen Besuch wert!
      Vielen Dank für Deine Worte und einen guten Start ins neue Jahr!
      Ines-Bianca

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