Bayreuth zwischen Wilhelmine und Wagner

Luther und die Veste Coburg: Ansicht Festungsmauer im Nebel
Luther und die Veste Coburg
4. Dezember 2022

Was bedeuten Wilhelmine und Wagner für Bayreuth?

Die Markgräfin, die eigentlich als Königin von England angetreten war, und das besessene Genie, das die Oper revolutioniert hat: Es sind diese beiden Persönlichkeiten, die Bayreuth als kulturellen Hotspot mit internationaler Strahlkraft bis heute maßgeblich geprägt haben. Ein Stadtspaziergang bringt uns die beiden Künstlerseelen und ihr Wirken näher.

Markgräfin Wilhelmine verwandelte das zuvor provinzielle Bayreuth im 18. Jahrhundert in ein blühendes Zentrum für Kunst und Kultur.

In der Villa „Haus Wahnfried“ ließ sich Richard Wagner dauerhaft nieder und empfing hier namhafte Gäste. Zum Kriegsende wurde sie fast völlig zerstört.


Markgräfin statt Königin

Was muss das für ein Kulturschock für Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen gewesen sein, als sie im Januar 1732 ins provinzielle Markgrafentum Bayreuth kam! Eben noch zur Königin von England bestimmt, hatte ihr Vater, der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. von Preußen, nach jahrelangem entwürdigenden Hin und Her mit dem englischen Hofe die Nase voll.

Eine geeignete Alternative musste her! Und die fand er in Friedrich III. von Bayreuth-Brandenburg, denn hier sah er eine gute Gelegenheit, die fränkische Markgrafschaft wieder stärker an Brandenburg zu binden. Im November 1731 fand die Hochzeit auf dem Berliner Schloss statt, danach stand der Umzug an.

 

Spinnweben in der Provinz

Der Ortswechsel an sich kam Wilhelmine erst einmal gelegen. Die Verhältnisse am preußischen Hof ihres Vaters waren schwierig gewesen. Insbesondere der Kronprinzenprozess nach dem missglückten Fluchtversuch ihres Lieblingsbruders, Friedrich der Große, hatte in ganz Europa für Aufsehen gesorgt. So konnte die 22-Jährige es kaum erwarten, von Berlin wegzukommen.

 
 
„Das war für Wilhelmine erst einmal ein gesellschaftlicher Abstieg.“

Gästeführerin Claudia Dollinger

 
 

Doch in ihrer neuen Heimat fand die preußische Prinzessin keineswegs das ihr versprochene glanzvolle Zuhause vor, sondern ein zugiges und düsteres Residenzschloss mit zerbrochenen Fensterscheiben und voller Spinnweben. „Hinzu kam der fränkische Akzent, der für die junge Preußin kaum verständlich war, hatte sie doch als zukünftige englische Regentin die deutsche Sprache erst im Alter von zehn Jahren erlernt“, weiß Gästeführerin Claudia Dollinger. „Vorrang hatten das bei Hofe übliche Französisch und Englisch gehabt.“

Auf dem Weg zum Reich der Schönen Künste

Schmach auf der ganzen Linie also? Nur bedingt. Denn trotz des gesellschaftlichen Abstiegs und des enttäuschenden Auftakts ließ sich Wilhelmine nicht entmutigen. Gestählt durch ihre harten Jugendjahre unter der Fuchtel des „Soldatenkönigs“ und strenger Erzieherinnen beschloss sie kurzerhand, aus der fränkischen Markgrafschaft ihr eigenes glänzendes Reich der Schönen Künste zu machen.

Eine Tatsache half dabei erheblich: Tatsächlich waren ihr Ehemann Friedrich III. und sie einander innig zugetan, wie die Quellen belegen. Überzeugt von den Qualitäten seiner Gemahlin ließ der Bayreuther Erbprinz ihr freie Hand bei der Umgestaltung ihres neuen Lebensmittelpunktes.

Als Markgraf Friedrich seiner frisch angetrauten Gemahlin zum 24. Geburtstag im Jahr 1735 das Areal der Eremitage vor den Toren der Stadt schenkte, ließ sie ihrer Kreativität — gemäß ihren Ansprüchen — freien Lauf: Aus dem einfachen Alten Schloss machte sie eine prunkvoll ausgestattete Barockresidenz, später sollte noch das Neue Schloss mit märchenhafter Orangerie folgen. Die schönste höfische Parkanlage weit und breit wird komplettiert durch Wasserspiele, künstliche Ruinen und einen Sonnentempel.

Wilhelmines Faible für Musik

Der Anfang war gemacht. Stück für Stück schuf sich Wilhelmine einen glanzvollen Rahmen für ihre Interessen. „Die Schönen Künste waren ihre neue Passion“, bringt es die Gästeführerin auf den Punkt. Vor allem die Musik — und hier besonders die Oper — hatte es ihr angetan. Die hochmusikalische Königstochter komponierte eigene Werke, verfasste selbst die Libretti und versammelte die Crème de la Crème der europäischen Opernszene an ihrem Hof in Bayreuth.

1744 ging sie noch einen Schritt weiter: Anlässlich der bevorstehenden Hochzeit ihrer einzigen Tochter, Elisabeth Friederike Sophie, mit Herzog Carl Eugen von Württemberg beschloss sie, ein Opernhaus in Auftrag zu geben, das sich mit den führenden Häusern der großen Kunstmetropolen messen können sollte.

 

Das Markgräfliche Opernhaus — ein architektonisches Meisterwerk

Dafür verpflichtete sie einen wahren Könner: „Keinen Geringeren als Giuseppe Galli Bibiana, zuvor Kaiserlicher Hofarchitekt in Wien“, schildert Claudia Dollinger. Aus Holz und Leinwand schuf der Italiener in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Carlo in kürzester Zeit ein architektonisches Meisterwerk nach dem Vorbild des italienischen Logentheaters. Die selbsttragende Konstruktion ist in die steinerne Gebäudehülle hineingestellt, die hölzernen Schmuckelemente und Skulpturen wurden außerhalb des Opernhauses vorgefertigt und später eingepasst.

Auffällig ist die opulente Pracht — denn das Markgräfliche Opernhaus diente in erster Linie dem Zweck des Repräsentierens. „Das gesellschaftliche Ereignis war tatsächlich wichtiger als das Bühnenereignis“, bestätigt Dollinger und erklärt die Staffelung der Ränge — von der Fürstenloge über den Hochadel sowie den niederen Adel bis hin zu den finanzstarken Kaufleuten im vierten Rang.



 

Vom barocken Glanz in den Dornröschenschlaf

So erlebten die geladenen Gäste 1748 eine glanzvolle Hochzeit in dem Opernhaus, das heute als besterhaltenes Beispiel eines freistehenden barocken Hoftheaters gilt und deshalb seit 2012 den Titel UNESCO-Weltkulturerbe trägt.

Auf Zeiten des Prunks folgte damals allerdings zunächst der Niedergang. Mit dem Tod Wilhelmines 1758 gab es keine Fürsprecherin für das eigentlich überdimensionierte Theater mehr, es versank — vorerst — im Dornröschenschlaf.

UNESCO-Weltkulturerbe: Das besterhaltene freistehende barocke Opernhaus der Welt sorgt auch heute noch für Begeisterung beim Besucher.

Wegen der sensiblen baulichen Substanz gibt es nur wenige Vorführungen im Jahr. Bei der Führung mit Filmvorführung erhalten Besucher einen ersten Eindruck.


 

Wagner prägt Bayreuth bis heute: Nach dem Krieg wiederaufgebaut, ist die Villa Wahnfried inzwischen ein gut besuchtes Museum.

Als Richard Wagner vor der Tür stand

Rund 100 Jahre später jedoch stand plötzlich ein illustrer Gast vor der Tür: 1871 kam Richard Wagner in Begleitung seiner zweiten Ehefrau Cosima nach Bayreuth, um das Markgräfliche Opernhaus als Austragungsort für seinen „Ring der Nibelungen“ zu besichtigen. „Aber das war ihm alles zu üppig“, weist die Gästeführerin auf die unzähligen Vergoldungen, die Säulen in Marmor-Optik und die spätbarocken Deckengemälde.

Immerhin: Nun, da Wagner erst einmal vor Ort war, fackelten die Stadtoberen nicht lange und boten dem berühmten Künstler den Grünen Hügel als Baugrund, auf dem heute das Festspielhaus prangt. So war es Wilhelme posthum doch noch einmal gelungen, der Kunst eine weitere Bühne in Bayreuth zu schaffen. „Und immerhin hat Wagner hier im Opernhaus zur Grundsteinlegung des Festspielhauses wenigstens einmal dirigiert: Beethovens 9. Symphonie“, weist Claudia Dollinger Richtung Bühne.


 

 

Wagnerstadt mit Licht und Schatten

Der Rest ist Geschichte: Noch immer zieht es Jahr für Jahr Tausende von Wagner-Fans nach Bayreuth ins Festspielhaus. Es ist das einzige Opernhaus weltweit, das dem Werk nur eines Künstlers gewidmet ist. Und auch sonst eroberte Bayreuth das Herz des eigenwilligen Komponisten: Am Hofgarten ließ er sich von Baumeister Carl Wölfel seine Künstlervilla „Haus Wahnfried“ errichten.

„Hier fand der Wahn seinen Frieden“

Gästeführerin Claudia Dollinger

Im Laufe der Jahre beherbergte die Villa namhafte Gäste, unter anderem auch Adolf Hitler, der Wagner zu seinem Lieblingskomponisten erkoren hatte und engen Kontakt mit der Familie des Verstorbenen pflegte. Kein Wunder also, dass das Gebäude mit seinen dem Nationalsozialismus stark zugeneigten Bewohnern zum Kriegsende ins Visier der Alliierten geriet und in den Bombennächten stark zerstört wurde. Zur 100-Jahr-Feier der Festspiele wurde das wiederaufgebaute Haus Wahnfried 1976 als Richard Wagner Museum eröffnet.

 


 

Kultureller Hotspot mit Weltruhm

Wenig bescheiden kündet noch heute die Grabplatte der Gruft, in der Richard Wagner und seine Cosima beigesetzt sind, in der Sichtachse des Museums von Wagners Selbstbewusstsein: „Die Welt weiß, wer hier ruht“, ist dort zu lesen.

Am Ende bleibt ein Fazit: Wilhelmine und Wagner — diese zwei Persönlichkeiten, verbunden durch die Kunst, haben Bayreuth bis heute maßgeblich geprägt und zu dem gemacht, was es ist: ein international bekannter kultureller Hotspot mit nie nachlassender Strahlkraft

 

Bayreuth zwischen Wilhelmine und Wagner: Haus Wahnfried befindet sich am Hofgarten. Schnell wurde es kultureller Anziehungspunkt, heute ist es ein Museum.

Entdecker-Info

Das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth ist geöffnet:

April bis September: täglich von 9 bis 18 Uhr
Oktober bis März: täglich 10 bis 16 Uhr
Es gelten feste Einlasszeiten alle 45 Minuten.
Zuständig ist die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, Schloss- und Gartenverwaltung Bayreuth-Eremitage: kontaktierbar online unter sgvbayreuth@bsv.bayern.de oder telefonisch unter 09 21/ 7 59 69-0.


Haus Wahnfried mit dem Richard Wagner Museum ist geöffnet:

dienstags bis sonntags: von 10 bis 17 Uhr
Juli und August täglich 10 bis 17 Uhr
Die Richard-Wagner-Stiftung als Träger erreichen Interessierte: online unter info@wagnermuseum.de oder telefonisch unter 09 21/ 7 57 28-0.


Bayreuth zwischen Wilhelmine und Wagner

Entdecker-Dank

*Werbung
Unser Entdecker-Dank geht an den Tourismusverband Franken, Bayreuth-Tourismus sowie die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, die diese Entdecker-Story im Rahmen einer gesponserten Recherchereise ermöglicht haben.
Unsere Meinung bleibt davon selbstverständlich unbeeinflusst.

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6 Comments

  1. Leo Geiger sagt:

    Liebe Ines Bianca,
    Was für tolle Bilder, das Innere der bekannten Wagnerstadt-Gebäude hatte ich so noch nicht gesehen, verbunden mit deiner lebendigen Geschichte hatte ich jetzt für ein paar Momente das Gefühl, in der Vergangenheit zu schwelgen, danke. Wieder eine großartige Geschichte und perfekt aufgearbeitet und erzählt!
    Dein treuer Leser
    Leo Geiger

    • Ines-Bianca sagt:

      Lieber Leo,
      einfach toll, so einen Fan zu haben, vielen Dank! 🙂
      Es ist mir eine riesige Freude zu sehen, dass mein Konzept – entdecken und Geschichten darüber erzählen – ankommt!
      Das ist es doch, was das Leben bunt und spannend macht!
      Genieße die restliche Zeit bis Jahresende und hab einen guten Start in 2023!
      Ines-Bianca

  2. Silke Kords sagt:

    Liebe Ines!
    Da muss ich hin – mal zu den Opernfestspielen?
    Bayreuth ist ja gar nicht weit von hier … und in drei Tagen fahren wir eine Freundin ganz in der Nähe besuchen!
    Ich nehme mir deine Tipps zu Herzen und werde auf deinen Pfaden wandeln!
    Deine Shille

    • Ines-Bianca sagt:

      Liebe Freundin,
      zu den Festspielen komme ich sofort mit!
      Wir sollten einfach mal planen!
      Alles Liebe und komm gut ins neue Jahr!
      Ines-Bianca

  3. Jenny sagt:

    Spannend!! Wenn ihr jetzt Wagner-Blut geleckt habt, dann kommt doch mal nach Dresden. Hier gibt es die Wagner-Stätten in Graupa und nicht weit davon die erste Etappe des Malerwegs von Pirna nach Wehlen, mit einem Wagner-Monument samt musikalischer Begleitung durch Lohengrin. Ganz schön stimmungsvoll, wenn das zwischen mystischen Sandsteinfelsen ertönt!

    LG aus Dresden
    Jenny

    • Ines-Bianca sagt:

      Liebe Jenny!
      Ja, Dresden steht absolut auf unserer Liste, habe ich gerade noch mit dem kleinen Entdecker drüber gesprochen! Und ich bin ja inzwischen auch auf den Wander-Geschmack gekommen, zumal, wenn es ein wenig Event-Charakter gratis dazu gibt! Das klingt richtig gut!
      Danke für den Tipp – und einen tollen Start in 2023!!!
      Ines-Bianca

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